Kurzsichtigkeit - Stand der Wissenschaft

Ich gebe gleich zu, der Titel ist etwas reißerisch formuliert. Er sollte eher lauten "Kurzsichtigkeit - Stand meines Wissens". Aber jetzt ist es zu spät und ihr als brave Leser werdet den Artikel natürlich trotzdem zu Ende lesen, oder? Denn seit meinem Post über Kurzsichtigkeit von 2009 gibt es doch einige sehr interessante Neuigkeiten zum Thema.
1. Der ursprüngliche Auslöser für diesen Blogpost ist folgender Artikel der amerikanischen Akademie für Augenheilkunde:
In der verlinken Studie und dem Vortrag dazu wird dargelegt, dass es selbst mit sehr niedrig dosiertem Atropin (0,01 %) möglich ist das Wachstum des Augapfels hin zum kurzsichtigen Auge bei Kindern um 50 % zu verzögern. Das ist insofern bedeutend, da damit nun ein Mittel zur Behandlung der Kurzsichtigkeit zur Verfügung steht, welches kaum Nebenwirkungen aufweist. Schon seit langer Zeit wurde zwar erkannt, dass Atropin bei der Behandlung der Kurzsichtigkeit helfen kann (siehe z.B. McBrien 1993), aber bisher ging man immer davon aus, dass die dazu notwendige Dosierung von Atropin zu starken Nebeneffekten (extreme Blendung, da Pupille geweitet und gelähmt wird) führt, so dass der Einsatz als Medikament nicht in Frage kommt. Jetzt ist klar, dass man den gleichen Effekt auch mit einer sehr viel niedrigeren Dosierung von Atropin erreichen kann und man es tatsächlich als Medikament einsetzen kann.

2. Ein weiteres Medikament, dass bereits in Studien getestet wurde und ich auch kurz in meinem Post von 2009 erwähnt hatte ist Pirenzepin. Dieses Mittel, das schon lange als Medikament zur Reduktion von Magensäure auf dem Markt ist, kann anscheinend, als Gel auf das Auge aufgetragen, ebenfalls das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bei Kindern verlangsamen:
Über die Wirksamkeit von Pirenzepin hatte ebenfalls McBrien 1993 bereits spekuliert und diese Spekulationen kann man wohl jetzt als bestätigt ansehen. Allerdings wirkt Pirenzepin laut einer Metastudie (Walline 2011 - Interventions to slow progression of myopia in children) weniger stark wie Atropin:
"The largest positive effects for slowing myopia progression were exhibited by anti-muscarinic medications. At one year, children receiving pirenzepine gel (two studies), cyclopentolate eye drops (one study), or atropine eye drops (two studies) showed significantly less myopic progression compared with children receiving placebo (mean differences (MD) 0.31 (95% CI 0.17 to 0.44), 0.34 (95% CI 0.08 to 0.60), and 0.80 (95% CI 0.70 to 0.90), respectively)."
3. Die oben erwähnte Metastudie kommt auch zu dem Schluss:
"The most likely effective treatment to slow myopia progression thus far is anti-muscarinic topical medication."
D.h. andere Ansätze, z.B. der Einsatz spezieller Brillen wie der MyoVision von Zeiss werden als weniger wirksam angesehen als eben der Einsatz von z.B. Atropin.

4. Beim nochmaligen Lesen des nach wie vor sehr zu empfehlenden Artikel der Wikipedia über Kurzsichtigkeit bin ich auch noch auf folgendes Medikament gestoßen: 7-methylxanthine (7-mx) . Eine Studie von Trier 2008 kommt zu dem Schluß:
"The results indicate that 7-mx reduces eye elongation and myopia progression in childhood myopia. The treatment is safe and without side effects and may be continued until 18–20 years of age when myopia progression normally stops."
Das Interessante daran ist, dass man 7-mx im Gegensatz zu Atropinaugentropen einfach als Tabletten einnehmen kann. Ebenfalls interessant ist, dass es sich bei 7-mx nicht wie bei Pirenzepin und Atropin um Muscarinrezeptor-Antagonisten sondern um einen Antagonisten zu Adenosinrezeptoren handelt. Damit ist es verwandt zu Koffein und Theobromin, genauer gesagt, unser Körper produziert diesen Stoff beim Umwandeln/Aussscheiden von Koffein und Theobromin in Leber und Niere (http://www.hmdb.ca/metabolites/HMDB01991). Trier schreibt selbst, dass 7-mx etwa 5-mal stärker als Adenosin-Antagonist wirkt als Theobromin. In der Studie von Trier werden Tabletten von 400mg 7-mx an die Kinder gegeben, was demnach eine Wirkung wie 2g Theobromin haben sollte. Laut Theobromin enthält 1kg dunkle Schokolade etwa 3g Theobromin, d.h.

7 Tafeln (je 100g) dunkle Schokolade am Tag könnten ein Mittel gegen Kurzsichtigkeit sein!


Ich kenne viele Kinder, die eine derartige Therapie mit Freude über sich ergehen lassen würden! ;-) Leider warnt aber auch schon der Wikipedia-Artikel, dass:

"Chronische hohe Aufnahme von etwa 1,5 g/Tag [von Theobromin] über einen Zeitraum von 10 Tagen verursachte Kopfschmerzen, Schweißausbrüche und Zittern."
Also ist wohl von einer Schokoladentherapie gegen Kurzsichtigkeit doch eher abzuraten.

P.S.: Eine Studie aus Israel von 2007 kommt zu dem Schluß, dass Kinder die im Sommer geboren werden angeblich kurzsichtiger sind als der Durchschnitt:
Obwohl das auf mich zutreffen würde, scheint mir das doch im Widerspruch zu den in meinem Post von 2009 erwähnten Studien zu stehen, die mehr Sonnenlicht in der Kindheit mit weniger Kurzsichtigkeit verbinden. Eventuell ist das Ergebnis der Studie ein auf Israel beschränkter statistischer Ausreißer. 

P.P.S.: Der Wirkmechanismus von Atropin ist immer noch nicht wirklich geklärt. McBrien 1993 kommt nur zu dem Schluß, dass es nichts mit der Wirkung von Atropin auf die Pupille zu tun hat. Stattdessen spekuliert er
"It is feasible that atropine may work by inhibiting release of some yet unidentified growth factor in eyes deprived of form vision, thus preventing myopia progression."
Allerdings würde das nicht die Frage klären, warum Kurzsichtigkeit gehäuft in modernen Zeiten auftritt. Stattdessen möchte ich hier mal spekulieren, dass Atropin nicht nur Einfluss auf die Pupille hat, sondern eventuell auch Einfluß auf die Frequenz des Lidschlags. Für den Lidschlag gilt nämlich
"Abwechslungsarme Bildschirmarbeit führt nach einem Bericht der Universitätsaugenklinik Tübingen im Fachjournal Der Ophthalmologe zum Starren auf den Bildschirm mit einer Abnahme der Lidschlagfrequenz von 9,7 auf 4,3 pro Minute."
Würde Atropin die Frequenz des Lidschlages erhöhen, könnte man es als Gegenmittel zu den Auswirkungen der modernen Bildschirmarbeit verstehen und dadurch erklären, warum es gerade in modernen Zeiten zu einem vermehrten Auftreten von Kurzsichtigkeit in der Bevölkerung kommt.

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